Wie bereits erinnert wird

Gedenktafel

Die Geschichte

Die Gedenktafel auf der rechten Seite des Haupteingangs der Ihnestraße 22 wurde 1988 angebracht. Ihre Anbringung war das Ergebnis jahrelanger Recherchen und des Aktivismus von Forscher_innen und Studierenden des Otto-Suhr-Instituts sowie auch von unabhängigen Forscher_innen.

Bis in die frühen 1980er war nicht viel von der Geschichte des Gebäudes der Ihnestraße 22 und den Verbindungen des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik (KWI-A) zum Kolonialismus und zum Nationalsozialismus bekannt. Weder die Max-Planck-Gesellschaft (MPG), früher Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, noch die Freie Universität Berlin hatten sich offiziell zur dieser historischen Verbindung bekannt. Als die Wissenschaftlerinnen Dr. Christl Wickert und Anna Bergmann am Otto-Suhr-Institut die Anbringung einer Gedenktafel vorschlugen, um den Opfern und der Verantwortung der ehemaligen Forscher zu gedenken, trafen sie auf Widerstand. Erst nach zusätzlichem Druck, sowohl von anderen Mitarbeiter_innen als auch von unabhängigen Forscher_innen, begann die Diskussion über eine mögliche Gedenktafel. Darauf folgten zwei Jahre Verhandlungen zwischen dem Otto-Suhr-Institut und der MPG über den genauen Wortlaut der Tafel, welcher danach erst noch vom Fachbereichsrat und vom Akademischen Senat bestätigt werden musste. Die Gedenktafel wurde schließlich am 15. Juni 1988 angebracht.

Christl Wickert beschreibt ihre Recherche in den MPG Archiven wie folgt:
„Die wenigen Ordner, die uns vorgelegt wurden, waren 1985 immer noch in alten Aktenordnern, Reste von rausgeschnittenen Teilen waren deutlich sichtbar… Unterstützung von dem Archiv für die Recherche für weitere Beweise wurde von dem Archivar mit der Begründung abgelehnt, dass die MPG überhaupt kein Interesse an der Geschichte des Kaiser-Wilhelm-Instituts während der NS Zeit hätte, da es nicht Teil der Geschichte der MPG sei und Archivmaterial schlicht übertragen wurden. “

Interview mit Dr. Christl Wickert (Audio)


Forschungsprogramm

Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus

Von 1999 bis 2004 untersuchte ein von der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) in Auftrag gegebenes Forschungsprogramm den spezifischen Beitrag der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG) – heute MPG – und ihrer Wissenschaftler_innen zum nationalsozialistischen Regime. Das Anliegen des Forschungsprogramms war es, die Geschichte der KWG kritisch aufzuarbeiten und wurde von Prof. Carola Sachse von 2000 bis 2004 geleitet. Das Forschungsprogramm wurde im Jahr 2005 mit einer Reihe von Publikationen abgeschlossen. Das Hauptwerk besteht aus 17 Büchern, welche die verschiedenen Forschungsfelder der KWG, die Forscher_innen, ihre Beteiligung an der nationalsozialistischen (NS) Politik sowie auch die menschlichen Experimente an den verschiedenen Forschungsinstituten untersuchen. Ein Fokus im Forschungsprogramm war das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik (KWI-A) und seine Beziehungen zu Josef Mengele und dem Konzentrationslager Auschwitz. Kernpunkte waren die Erforschung der Rolle der Wissenschaft in der Legitimation des NS-Regimes, die Auswirkungen des bereitgestellten Expertenwissen auf Politikprozesse und die Verletzung ethischer Grundsätzen in der Forschung. Die Rolle des deutschen Kolonialismus wurde im Forschungsprogramm der MPG ausgeklammert.

Projektleiter Benoit Massin beschreibt im Nachhinein das Forschungsinteresse des KWI-A wiefolgt:

"'Rasse' war ein zentraler Begriff für die nationalsozialistische Ideologie und Politik. Viele Aspekte, die uns heute an den Verbrechen des Nationalsozialismus im Vergleich zu anderen totalitären Systemen singulär erscheinen, wurden im Namen der 'Rasse' verübt. Die Mehrzahl der deutschen Humangenetiker und Rassenanthropologen begrüßten die Bemühungen der Nationalsozialisten, ihre Politik auf Rassenbiologie zu gründen. Sie behaupteten schlicht, der Nationalsozialismus selbst sei 'angewandte Rassenkunde'. Der Nationalsozialismus rückte somit die 'Wissenschaft von der Rasse' (Rassenkunde, Rassenforschung oder Rassenbiologie) ins wissenschaftliche Rampenlicht. Diese neue politische Bedeutung hatte eine verstärkte Institutionalisierung zur Folge. So wurde der Etat des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik (KWIA, gegründet 1927) unter der Leitung von Eugen Fischer zur Zeit des NS-Regime mehr als verdoppelt. Als Gegenleistung hat das Institut, so Fischer, 'sich vor allem [...] in den Dienst der wissenschaftlichen Unterbauung und praktischen Durchführung rassen- und bevölkerungspolitischer Maßregeln des neuen Staates hat'."

Quelle:

Interview mit Prof. Carola Sachse (Audio)


Interview mit Prof. Hans-Walter Schmuhl (Audio)